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Künstliche Intelligenz und Medienkonsum: Der unaufhaltsame Siegeszug automatisierter Inhalte

01.06.2026 4 Min. Lesezeit
Foto: © Unsplash | @thommilkovic
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Die Medienanstalten haben mit den „Video Trends 2025“ und dem begleitenden „Online-Video-Monitor“ ein Zahlenwerk vorgelegt, das die tektonischen Verschiebungen in unserer Medienlandschaft schonungslos offenlegt.

94 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren konsumieren täglich Kurzvideos.

Doch hinter dieser monumentalen Zahl verbirgt sich eine fundamentale Fragmentierung: Während ältere Generationen am linearen Fernsehen festhalten, hat sich die junge Zielgruppe fast vollständig in die algorithmisch gesteuerten Ökosysteme der Tech-Konzerne verabschiedet.

Es geht hier längst nicht mehr um den simplen Wandel von Sendezeiten hin zu On-Demand-Abrufen. An die Stelle von Redaktionen und bewussten Entscheidungen tritt die automatisierte Empfehlungslogik. Diese Entwicklung verändert nicht nur, wie wir uns entspannen, sondern formt im Kern unsere gesellschaftliche und politische Willensbildung.

Die Hardware-Schnittstelle als digitaler Türsteher

Ein oft übersehener, aber wettbewerbsrechtlich hochgradig brisanter Aspekt der Studienergebnisse betrifft den so genannten Connected TV (CTV). 47,7 Millionen Menschen in Deutschland & Österreich nutzen diese internetfähigen Fernsehgeräte regelmäßig.

Die Studie zeigt: Wer auf dem Startbildschirm oder über die physische Fernbedienung nicht direkt sichtbar ist, verliert massiv an Reichweite.

Rund 70 Prozent der CTV-Nutzenden besitzen Fernbedienungen mit festen Werkstasten für große Streaming-Anbieter; ein Viertel nutzt diese Tasten fast ausschließlich als primäres Zugangstor.

Die Benutzeroberfläche und die voreingestellte Firmware der TV-Hersteller mutieren damit zum mächtigsten Gatekeeper.

Kleinere, unabhängige Plattformen oder lokale Medienanbieter geraten technologisch ins Hintertreffen, weil sie sich die teuren Platzierungen auf den Fernbedienungen und in den prominenten App-Leisten schlicht nicht leisten können.

© Unsplash | @anthonygomez

Die technische Navigationsstruktur diktiert die Sichtbarkeit, was zu einer gefährlichen Konzentration auf wenige globale Player führt.

Die wohl besorgniserregendste Dynamik zeigt sich im Segment der Kurzvideos auf Plattformen wie Instagram Reels, YouTube Shorts und TikTok. Nahezu die gesamte junge Bevölkerung (93 Prozent der 14- bis 19-Jährigen) nutzt diese Formate täglich.

Erschreckend dabei ist: Ein Drittel dieser Nutzenden greift auf diese Feeds zurück, um sich gezielt über aktuelle politische und gesellschaftliche Themen zu informieren. Für jeden Fünften spielten Kurzvideos sogar eine wichtige Rolle bei der eigenen Wahlentscheidung.

Gleichzeitig gibt fast die Hälfte der Befragten an, dass es ihnen extrem schwerfällt, in diesem Format zwischen seriösen und unseriösen Quellen zu unterscheiden.

Viele empfinden die Darstellung als stark einseitig. Das ist das klassische Plattform-Paradoxon: Die Verbreitung von Desinformation skaliert auf diesen Plattformen nativ, da extreme, emotionale und polarisierende Inhalte von den Algorithmen durch höhere Interaktionsraten belohnt werden.

Hochwertiger, differenzierter Journalismus geht im sekündlichen Swiping-Takt unter, während manipulative Inhalte ungefiltert das Weltbild von Millionen prägen.

© Unsplash | @solenfeyissa

Künstliche Intelligenz als Katalysator der Content-Schwemme

Ergänzend dazu liefert der Online-Video-Monitor 2025 einen klaren Blick auf die Produktionsseite: Für 86 Prozent der Video-Anbieter ist künstliche Intelligenz mittlerweile der wichtigste Markttreiber überhaupt.

Die Erstellung von Video-Inhalten wird durch generative KI-Tools radikal demokratisiert, was die Produktionskosten gegen Null sinken lässt.

Die Konsequenz ist eine beispiellose Content-Schwemme, die die bestehenden Verteilungs- und Filtermechanismen der Plattformen vollends überfordern dürfte.

Wenn synthetische Stimmen, automatisierte Skripte und KI-generierte Grafiken innerhalb von Minuten massenhaft Videos erzeugen, wird die Unterscheidung zwischen Fakt und Fiktion ohne kryptografische Herkunftsnachweise technisch unmöglich.

Die kommerziellen Anbieter reagieren auf diesen Druck bereits mit Skepsis bezüglich ihrer Monetarisierung: Die Zufriedenheit mit der eigenen wirtschaftlichen Situation brach von 84 Prozent im Jahr 2023 auf 67 Prozent ein. Die reine Masse an billig produziertem Content entwertet den Markt für aufwendig recherchierte Produktionen.

Fazit: Radikale Transparenz ist die einzige Option

Aus diesen Daten lässt sich nur eine Schlussfolgerung ziehen: Die bisherige Praxis der Plattform-Regulierung greift zu kurz. Ein Großteil der Video-Anbieter fordert laut Monitor zu Recht eine strengere Verantwortlichkeit der Betreiber und vor allem die Offenlegung der algorithmischen Empfehlungslogiken.

Es reicht nicht mehr aus, illegale Inhalte im Nachgang zu löschen.

Wir müssen die Blackbox der Algorithmen öffnen. Solange die Sortierung von Inhalten primär auf Verweildauer und emotionaler Erregung basiert, bleibt der digitale Informationsraum strukturell beschädigt.

Es braucht verbindliche, diskriminierungsfreie Standards für die Auffindbarkeit gesellschaftlich relevanter Inhalte – sowohl in den Feeds der sozialen Medien als auch auf den Startbildschirmen unserer Smart-TVs.

Wenn wir die Kontrolle über die Filter unserer Realität vollständig an intransparente Systeme abtreten, steht nicht nur die Medienvielfalt, sondern das Fundament unserer demokratischen Debattenkultur auf dem Spiel.

Sophie Lindner 01.06.2026
Quellenverzeichnis (7)

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